Es waren vor allem die Ergebnisse der ersten PISA-Studie im Jahre 2001, die Reformdiskussionen im Bildungsbereich in Deutschland wieder anheizten. Diese attestierten Deutschland mitunter erhebliche Mängel in allen drei untersuchten Disziplinen und zeigten überdies, dass in keinem anderen europäischen Land die soziale Herkunft eine derart große Rolle im Bildungserfolg eines Kindes spielt, wie in Deutschland. Nicht wenige Kritiker des deutschen Schulsystems führen dies auf seine selektive Dreigliedrigkeit zurück und befürworten daher eine Gemeinschaftsschule.

Tatsächlich ist ein derart selektives Schulsystem wie das deutsche international gesehen ein seltenes Modell. Der Großteil der Bildungssysteme erzieht seinen Nachwuchs in Gemeinschaftsschulen unterschiedlicher Art, verzichtet jedoch fast immer auf eine frühe Trennung der verschiedenen Bildungswege. Die größte Besonderheit des deutschen Systems ist hierbei jedoch vor allem die Frühzeitigkeit der Aufteilung der Grundschüler auf Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien, welche hierzulange bereits im Alter von 11 Jahren geschieht. Besonders hier sehen Kritiker die Ursache für die große Bedeutung der sozialen Herkunft für den schulischen und späteren beruflichen Erfolg von Kindern. Dies begründen sie dabei hauptsächlich damit, dass die frühe Selektion eine Vermischung der unterschiedlichen sozialen Klassen und damit eine Aufhebung der Klassengrenzen der Gesellschaft verhindere. In gewisser Weise müsse hier nach ihrer Ansicht die Schule die elterliche Rolle des Vermittlers auch von bestimmten kulturellen Fähigkeiten, wie beispielsweise dem Lesen von Büchern, dem Konsum von intelligentem Fernsehprogramm oder auch entsprechenden Filmen übernehmen, da besonders in eher prekären Familien eine solche kulturelle Erziehung zu kurz komme. Denn genau diese Art der Förderung mache später den Unterschied zwischen im Schulsystem erfolgreichen und unerfolgreichen Kindern aus und lässt für die Befürworter der Gemeinschaftsschule den Schluss zu, dass Kinder möglichst lange gemeinsam unterrichtet und erzogen werden sollten.

Das französische Schulsystem im Vergleich

Generell wird der Begriff Gemeinschaftsschule recht inflationär gebraucht, kann er doch, je nach politischem Konzept, verschiedene Arten gemeinsamen Lernens beschreiben. In vielen europäischen Ländern ist die Gemeinschaftsschule dabei genau das, was der Name beschreibt. Nämlich eine Schule, auf der Schüler mehrere Bildungswege bestreiten und dementsprechend unterschiedliche Abschlüsse erreichen können. In abgeschwächter Weise existiert eine solche Schulform in Form der Gesamtschule bereits in vielen deutschen Bundesländern, jedoch geschieht die Selektionen hierfür weiterhin nach lediglich vier Jahren Grundschule. Ein Beispiel für eine wirkliche Gemeinschaftsschule in Europa bietet das französische Schulsystem, welches nach fünf Jahren Grundschule im Alter von 10 Jahren den Übergang auf das sogenannte Collège vorsieht, welches alle französischen Schüler durchlaufen müssen. Erst im Alter von 14 Jahren stehen die Schüler vor der Entscheidung, sich für die Vorbereitung der verschiedenen durch das französische Schulsystem angebotenen Abschlüsse zu entscheiden. Je nach Begabung und Interesse stehen hier neben dem allgemeinbildenden Abitur ebenfalls eher technische, literarische oder kommerzielle Abschlüsse, die jedoch allesamt für die Einschreibung an einer Hochschule qualifizieren, zur Auswahl.

In Deutschland gibt es bisher nur vereinzelte Bestrebungen, eine wirkliche Gemeinschaftsschule einzuführen, auf welcher die Schüler bis zur zehnten Klasse, also dem Jahr vor Beginn des dreijährigen Abiturs, gemeinsam unterrichtet werden. Die meisten Reformen zielen darauf ab, vor allem die gemeinsame Grundschulzeit zu verlängern, um schwächeren Kindern mehr Zeit zu geben, zu den Kindern des Bildungsmilieus aufzuschließen und somit ebenfalls eine Gymnasialempfehlung zu erlangen.

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